Demoversion vhb-Kurs
"Beratung in der Sozialen Arbeit: Anforderungen - Konstruktionen - Lösungen"

Modul I: Anforderungen

Beraten lernen

Über Beratung nachzudenken ist das eine, Beratung auszuüben das andere. Der Ihnen hier angebotene Kurs dient vorrangig der Entwicklung theoriebasierter Beratungskompetenzen und dem Kennenlernen methodischer Handlungsmöglichkeiten. Der Vermittlung zentraler methodischer Handlungskompetenzen sind in einer vorrangig virtuellen Veranstaltung Grenzen gesetzt. Gleichwohl wird in dieser Passage der Blick auf Bedingungen des Lernens beraterischen Handelns gerichtet. Ziel dabei soll es sein, Sie zu ermuntern, sich Ihrer bereits vorhandenen Stärken zu vergewissern, sowie Sie zum Nachdenken über mögliche Kontexte und Etappen des Lernens anzuregen.

So verschieden Lernprozesse sind, so individuell sind Kompetenzprofile, die der Beratung dienen. Dass Sie zu Beginn Ihrer beraterischen Entwicklung bereits viele Kompetenzen mitbringen steht außer Zweifel. Vielleicht sind Sie ja z.B. besonders gut im ‚Zuhören', ‚Ausredenlassen' oder ‚Gesichtwahrenlassen'. Wenn dem so ist, bringen Sie sicher auch heute schon wertvolle Ressourcen in beraterische Interaktionsprozesse ein. Neben der Nützlichkeit solcher professioneller Alltagsmethoden steht professionelles Beratungshandeln in der Sozialen Arbeit allerdings auch vor der Anforderung, die Qualität von Beratung sicherzustellen und weiterzuentwickeln. Weil Beratung eine personale Dienstleistung ist, bezieht sich die Qualität von Beratung insbesondere auf die Qualifiziertheit von Beratern. Neben Kenntnissen in Systemdynamik und Netzwerkaktivierung sollten auch folgende Aspekte des Kompetenzprofils für BeraterInnen vorhanden sein: Kooperationsfähigkeit, Belastbarkeit, Dialogfähigkeit, Konfrontationsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Durchsetzungsfähigkeit und Souveränität, Humor und Sympathie für KlientInnen in lebensweltlichen Schwierigkeiten.

Okay, das klingt wahrscheinlich wie vollkommen perfekt – stellt aber nur eine Liste von Entwicklungsmöglichkeiten dar.

Bitte bearbeiten Sie folgende Aufgabe:

Machen Sie eine ganz persönlich-private Liste, die Sie niemandem zeigen. Schreiben Sie auf, wo Sie gut sind und wo Sie etwas besser werden möchten.

Die Qualität von Beratungsprozessen hängt aber nicht nur an solchen Kompetenzen der Gesprächsführung, sondern auch an der Haltung, mit der Berater ihren KlientInnen begegnen. Trauen sie ihren Gesprächspartnern etwas zu oder trägt ihr Blick auf Mängel und Inkompetenzen dazu bei, Kompetenzen und Ressourcen ungenutzt zu lassen? Unterstellt man einen zirkulären Zusammenhang zwischen Haltung und Handlung, dann können Berater bei der Weiterentwicklung ihres Kompetenzprofils, ihre Haltungen durch Handlungen und ihre Handlungen durch Haltungen verändern.

Möglicherweise beraten Sie die ersten KlientInnen weniger kompetent, als die KlientInnen, die Sie z.B. nach zwei Jahren Erfahrung beraten. Sie können die Zukunftsgeschichte Ihres Kompetenzerwerbs nach einem abgeschlossenen Studiums schreiben, indem Sie verschiedene Kontexte des Lernens, wie z.B. Fort- und Weiterbildungen, kollegiale Teamberatung und Supervision nutzen. Jenseits der Frage, ‚richtiger' oder ‚falscher' Beratung ist es dabei von besonderer Bedeutung, auch einen persönlichen Stil zu entwickeln und eine kurz- und längerfristige Lerngeschichte zu planen.

Sicher können Sie sich auch fragen, warum Sie sich überhaupt die Mühe machen sollten, Kontexte des Lernens für Ihre Entwicklung zu nutzen. Vielleicht sind Sie ja der Meinung, dass Sie auch sehr gut intuitiv "aus dem Bauch heraus" arbeiten können. Im Gegensatz zu rein intuitiver Beratung verpflichtet sich professionalisiertes beraterisches Handeln jedoch auf Transparenz und Rationalität für KlientInnen und damit zu Nachvollziehbarkeit, Erwartbarkeit und Zuverlässigkeit der Hilfe. Wenn beraterische Intuition mit einer Reflexion verbunden wird, die Wissensstrukturen über soziale Kontexte in die Hilfeprozesse einbringt, kann sie sinnvoll und angemessen als Ressource genutzt werden und durchaus ein Kennzeichen verantwortungsbewussten Handelns sein.


Abbildung: Reflexionsrahmen für Intuition

Vermutlich möchten Sie, wenn Sie mit dem Beraten anfangen, Ihren KlientInnen möglichst hilfreiche Gespräche, im Sinne einer Lösung ihrer Probleme, bieten. Da aber weder BeraterInnen noch KlientInnen einen Beratungsprozess gänzlich kontrollieren bzw. steuern können, werden Gespräche häufig von belastenden Gefühlen der Unsicherheit begleitet. Vielleicht ist es entlastend für Sie, darüber nachzudenken, dass ein erfolgreicher Beratungsprozess ein Gemeinschaftsprojekt aller am Gespräch teilnehmenden Personen darstellt.

Jall (1995) weist darauf hin, dass eine Haltung von BeraterInnen, Probleme seien dazu da, gelöst zu werden, häufig quer zu den Erwartungen von KlientInnen an die Beratung liegt. "Der Aufbruch von Erstarrung, angestrengter Konfrontation in festgefügten Systemen, das in Bewegung kommen und Herausarbeiten, was für die Beteiligten Erfolg wäre, ist schon genug Ziel im Beratungsprozess" (ebd.: 231).

Sehen Sie sich bitte folgendes Dokument an:

Beratungen werden nicht nur von den angewandten Methoden und den theoretischen Hintergründen von BeraterInnen mitbestimmt, sondern auch von der Identität und der Persönlichkeit des Beraters und der Beraterin. 

Die folgenden Fragen sollen Sie dazu anregen, sich Gedanken dazu zu machen, welche Einflüsse aus Ihrer Herkunftsfamilie und Ihren bisherigen Lebenserfahrungen den Beratungsprozess beeinflussen.

  1. Wie setze ich meine Sprache ein? (Dialekt, einfache Sprache, abstrakte Sprache, Fremdsprachenkenntnisse, etc.)
  2. Wer bin ich von meiner Altersstruktur her? (bereits durchlaufene Entwicklungsphasen, Erfahrungen, etc.)
  3. Wer bin ich als Mann / Frau? (Wie begegne ich Männern, Frauen, Mädchen, Jungen?)
  4. Wer bin ich von meiner sozialen Herkunft her? (Aufstiegserfahrungen, Abstiegserfahrungen, Armutserfahrungen, Migrationserfahrungen)
  5. Wer bin ich von meiner Religion / Atheismus her?
  6. Wer bin ich von meiner politischen Einstellungen her? (politische Traditionen in der Familie, etc.)
  7. Wo stoße ich in der Beratung an meine Grenzen? (Wie gehe ich mit meiner Energie um? Wie erhole ich mich? Was sind Stressfaktoren für mich? Mit welchen Menschen und sozialen Themen fällt es mir schwer einen wertschätzenden Zugang aufzubauen?)

Um Ihnen am Ende dieses Abschnitts exemplarisch einen Einblick in beraterische Sozialisationsentwicklungen zu geben, finden Sie nun ein Interview mit dem Dipl. Sozialpädagogen (FH) Jochen Lautner und der Dipl. Sozialpädagogin (FH) Daniela Licata. Die beiden berichten u.a. über ihre ersten Erfahrungen in der Beratungsarbeit. 

An dieser Stelle möchten wir uns bei Jochen Lautner und Daniela Licata herzlich bedanken, dass sie sich bereit erklärt haben, einen persönlichen Einblick in ihre Erfahrungen zu ermöglichen! 

Einige der Fragen an Jochen Lautner und Daniela Licata:

  • Was waren für Euch die größten Hoffnungen und Befürchtungen, als Ihr angefangen habt?
  • Was hat Euch geholfen, einen guten Einstieg zu finden?
  • Erinnert Ihr Euch an einen Beratungsprozess in der Anfangszeit, zu dessen Scheitern Ihr beigetragen habt?
  • Wie lange hat es gedauert, bis Ihr das Gefühl hattet, den Klienten gerecht zu werden?
  • Was würdet Ihr Studierenden, die mit Beratung anfangen, noch gerne mit auf den Weg geben?

Videoausschnitt
Interview Jochen Lautner und Daniela Licata

Teil 1 bis 4
(Die Videos sind in der Demoversion des Kurses nicht verfügbar.)
Dauer: ca. 6:50 min.

Bearbeiten Sie bitte folgende Aufgabe:

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen ersten Beratungserfolg in der Praxis ‚gelandet'. Formulieren Sie einen kurzen Brief oder eine E-Mail an einen Freund oder eine Freundin in einer anderen Stadt. Bitte versuchen Sie auch dann einen solchen Text zu schreiben, wenn Sie bislang noch nicht beraten haben.

Literatur

  • Jall, H.: Überlegungen zum Beratungserfolg in der Sozialen Arbeit. In: Soziale Arbeit, Heft 7, 1995, S. 226-232.
  • Schumann, M., 1994: Methoden als Mittel professioneller Stil- und Identitätsbildung. In: Groddeck, N./ Schumann, M. (Hrsg.), 1994: Modernisierung Sozialer Arbeit durch Methodenentwicklung und -reflexion, Freiburg: 41-67.
  • Brüggemann, H./Ehret-Ivankovic, K./Klütmann, C.(2006): Systemische Beratung in fünf Gängen. Ein Leitfaden. Göttingen, Vandoeck & Rupprecht.
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